Nachruf Rainer Mackensen 1927-2018

In Memoriam

Die Bevölkerungswissenschaft und die DGD sowie deren Vorläufer die DGBw haben Rainer Mackensen sehr viel zu verdanken. Er hat als Bevölkerungssoziologe auf seine spezielle Art die Bevölkerungswissenschaft

nicht nur mitgestaltet, sondern auch weiterentwickelt. Ihm lag daran, dass Forschung immer theoriegeleitet bleibt und dass es in der Wissenschaft, aber auch bei Bevölkerungsfragen in der Politikberatung und der Öffentlichkeitsarbeit auf belastbare Qualität ankommt.

Rainer Mackensen wurde am 8.6.1927 in Greifswald geboren. Er verstarb am 18.12.2018 in Berlin im Alter von 91 Jahren. Der beruflichen Entwicklung seines Vaters als Hochschullehrer folgend verbrachte Rainer Mackensen seine Schulzeit in Riga, Berlin und Posen. Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs wurde er eingezogen und als 19-Jähriger aus der Kriegsgefangenschaft entlassen.

Rainer Mackensen studierte in Göttingen und Tübingen Soziologie und Germanistik. Seine Promotion (über Wolfram von Eschenbach), ein zweijähriges sozialwissenschaftliches Fellowship in den USA und die Habilitation markieren seine weitere akademische Entwicklung im Rahmen seiner Forschungstätigkeit in der Sozialforschungsstelle an der Universität Münster in Dortmund.

Rainer Mackensen war von 1968 bis zu seiner Emeritierung 1992 Ordinarius für das Fach Soziologie an der Technischen Universität Berlin. Er lehrte und forschte nunmehr auch Stadt- und Regionalplanung, da sein Lehrstuhl an der TU zum Institut für Stadt- und Regionalplanung gehörte. Infolge der Studentenunruhen war das Institut für Soziologie an der Philosophischen Fakultät aufgelöst worden. Mackensen setzte sich dafür ein, dass sein Lehrstuhl im Institut für Stadt- und Regionalplanung eine neue Heimat fand.

Kennengelernt habe ich Rainer Mackensen Mitte der 1970er Jahre in akademisch-beschaulicher Runde. Rainer Mackensen hatte bei der Werner-Reimers-Stiftung in Bad Homburg eine Studiengruppe „Bevölkerungsentwicklung“ etabliert. Unter seiner immer inspirierenden Leitung diskutierte ein kleiner Kreis von bereits bekannten Bevölkerungswissenschaftlern, wie z. B. Karl Linde, David Eversley und Karl Schwarz, mit damals noch jungen, hoffnungsfrohen Nachwuchskräften, wie z. B. Josef Schmid, Peter Marschalck und Charlotte Höhn über Theorien des generativen Verhaltens und Szenarien der möglichen Bevölkerungsentwicklung und deren Auswirkungen.

Die bevölkerungswissenschaftlichen Schwerpunkte von Rainer Mackensen waren die Gründe des Geburtenrückgangs und die Konsequenzen der demographischen Alterung. Rainer Mackensen beschäftigte sich außerdem mit Umweltsoziologie und Regionalforschung, sowie mit der Geschichte der Soziologie und mit der Geschichte der Bevölkerungswissenschaft in Deutschland im 20. Jahrhundert.

Wenden wir uns nun den Aktivitäten von Rainer Mackensen im Rahmen der DGD bzw. der DGBw zu. Rainer Mackensen war von 1985 bis 1992 Präsident der DGBw. Die wissenschaftliche Diskussion war ihm immer besonders wichtig, in Gremien und im Kreise der Kolleginnen und Kollegen. Vorstandssitzungen unter seiner Leitung glichen nicht selten einem Doktorandenseminar. Dabei hat er oft mit den Themen gerungen. So erschien ihm die formale Demographie zu abstrakt, zu sehr von den Menschen als den eigentlichen Akteuren entfernt, weshalb einer seiner zahlreichen Beiträge für die Zeitschrift für Bevölkerungswissenschaft nicht von ungefähr „Bevölkerungswissenschaft. Bringing Man Back In“ (1997) lautet. Aber für die formale Demographie gab es ja Karl Schwarz, Charlotte Höhn und als oberste Instanz (auch in höherer Statistik) Heinz Grohmann.

Rainer Mackensen organisierte das Programm der Jahrestagungen und schrieb Einleitungen für die Veröffentlichungen. Er brillierte mit Diskussionsbeiträgen. Am meisten begeisterte mich Rainer Mackensens gar nicht so seltene Einleitung: „Andeutungen müssen genügen“, worauf in aller Regel höchst gehaltvolle Ausführungen folgten.

Rainer Mackensens Verdienste um die Aufarbeitung der Geschichte der Bevölkerungswissenschaft gehören besonders gewürdigt. Dies um so mehr, als er eigentlich erst recht spät und unter unerquicklichen Umständen sein eigentliches bevölkerungs- und regionalsoziologisches Studienfeld um diese Thematik erweiterte. Nicht dass ihn das Thema nicht schon immer interessiert hätte. Schon in den 1970er Jahren in Bad Homburg bei der Werner-Reimers-Stiftung wurde über die (auch schon damals historischen) Theorieansätze von Süßmilch, Malthus, Landry, Notestein und Mackenroth eingehend debattiert. Auch wurde in seiner Zeit als Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Bevölkerungswissenschaft eigens ein Arbeitskreis Bevölkerungsgeschichte gegründet. Aber der Auslöser, sich mit der Geschichte der Bevölkerungswissen­schaft in Deutschland und ihrer Verstrickung in die eugenische Bewegung und in den National­sozialismus zu befassen, kam von Außen, ausgelöst durch die Debatte um die Volkszählung 1987. Ein Artikel in der ZEIT „Ene mene Muh“, in der frühere und noch lebende Mitglieder der DGBw unter Kontinuitätsverdacht zum Nationalsozialismus gestellt wurden, konfrontierten Rainer Mackensen mit der schier unlösbaren Aufgabe einer kompetenten Stellungnahme. Er hat sich ihr nicht entzogen. Aber eine Jahrestagung der DGBw in Berlin zum Thema „Bevölkerungs­entwicklung und Bevölkerungstheorie in Geschichte und Gegenwart“ (Rainer Mackensen, Lydia Thill-Thouet, Ulrich Stark (Hrg.) 1989) erschien ihm nicht ausreichend. Er sorgte dafür, dass das BiB einen Werkauftrag an einen Wissen­schaftshistoriker, Bernhard vom Brocke, vergab, dass dessen Werk mit in- und ausländischen Kollegen   wiederum in Bad Homburg in der Werner-Reimers-Stiftung   diskutiert wurde. Er selbst besorgte die komplette und ergänzte Dokumentation dieser Tagung (Mackensen 1998), eine immense Aufgabe; besonders lesenswert sind seine „Ergänzungen“. Doch damit nicht genug. Rainer Mackensen suchte sich mehrere an der Thematik interessierte Historikerinnen und Historiker, um die Thematik wirklich fachkundig in einem kompetenten Arbeitskreis aus Historikern und Bevölkerungswissenschaftlern aufzubereiten. Er fand die Unterstützung der Deutschen Gesellschaft für Demographie und erlangte Finanzierung durch die Deutsche Forschungsgesellschaft für die Forschungs­arbeiten, Tagungen und Veröffentlichungen (Rainer Mackensen 2002, 2004, 2006; Rainer Mackensen und Jürgen Reulecke 2005). Auch wenn sich die Bevölkerungswissenschaftler rühmen, eine interdisziplinäre Forschung zu betreiben, sind sie doch beim historischen Quellenstudium eher dilettantisch, während reinen Wissenschaftshistorikern oft der demographische „Background“ fehlt. Hier einen fruchtbaren Dialog initiiert zu haben, ist allein Rainer Mackensen zu danken.

Rainer Mackensen liebte es, in und mit Gruppen zu arbeiten, wobei er es hervorragend verstand, Experten von Nah und Fern zu gewinnen. Die Herausgabe von Sammelwerken war „sein Ding“. Er war bei Kollegen im In- und Ausland sehr beliebt. So ist es denn nicht verwunderlich, dass er nicht nur für Festschriften schrieb, sondern auch selber mit Festschriften geehrt wurde.

Auch Rainer Mackensen zog es gelegentlich aufs internationale Parkett. In Zusammenarbeit mit der IUSSP und der Werner-Reimers-Stiftung fand Anfang der 1980er Jahre ein internationales Seminar zu den Bestimmungsgründen des generativen Verhaltens statt, das Rainer Mackensen und ich nicht nur organisierten, sondern zu welchem wir auch das Buch mit dem Titel „Determinants of Fertility Trends – Theories Re-examined“ (1982) gemeinsam herausgaben. Das Buch ist meines Erachtens auch heute noch lesenswert, ganz besonders aber der Beitrag von Rainer Mackensen. Schon der Titel „Social change and reproductive behaviour – on continuous transition“ ist Programm. Im Sinne seiner anhaltenden kritischen Auseinandersetzung mit dem Modell des demographischen Übergangs entwickelt er eine Alternative, nämlich den kontinuierlichen Fertilitätsübergang, der eben nicht zu einem neuen Gleichgewicht aus Mortalität und Fertilität führt.

Zusammen mit der IUSSP organisierten Rainer Mackensen und ich ein weiteres Seminar, diesmal in Berlin im Jahr 1984, zu einem Thema das heute vielleicht nicht mehr ganz so „untererforscht“ ist wie damals, nämlich dem Familienzyklus jenseits des Kinderbekommens. Als Herausgeber fungierten Eugen Grebenik, Rainer Mackensen und ich.

Wir trauern um einen bedeutenden Bevölkerungswissenschaftler, den man noch als Universalgelehrten bezeichnen kann, der nicht nur elektronische Papers, sondern noch dicke Bücher, insbesondere Sammelwerke, schrieb und die pointierte Sprache in Wort und Schrift pflegte.

[Verfasserin: Charlotte Höhn]