Nachruf Prof. em. Dr. Dr. habil. Josef Schmid 1937 – 2018

Nachruf

Am 8. April 2018 verstarb Professor Josef Schmid, Emeritus des Lehrstuhls für Bevölkerungswissenschaft/Demographie an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg, im Alter von nur 80 Jahren. Die deutsche und ausländische Bevölkerungswissen­schaft hat einen bedeutenden und in seiner Art selten gewordenen Gelehrten verloren, verband er doch -auf demographischen Fakten und Methoden aufbauend- die Bevölkerungssoziologie, die Humanökologie und die historische Analyse bevölke­rungswissenschaftlicher Vordenker. Seine zahlreichen Bücher und Artikel sowie seine Vorträge waren nie trocken, sondern anregend und bildreich. Er war ein Meister der geschliffenen Formulierungen. Da er außerordentlich belesen war und über eine bemerkenswerte Allgemeinbildung verfügte, waren seine Arbeiten fundiert und nicht angreifbar, wenn man seine (bisweilen durchaus pointierten) Bewertungen nicht teilte. Er war sehr fleißig und arbeitete besonders gerne nachts in seinem mit Büchern, Zeitungen und Kopien überfüllten Arbeitszimmer.

Josef Schmid wurde am 12. August 1937 in Linz, Österreich geboren und blieb bis an sein Lebensende Österreicher. In Linz ging er zur Schule und machte dort 1955 seine Matura (Abitur), unterbrochen von einigen Jahren der Sekundarstufe im Internat der Benediktiner zu Kremsmünster (Oberösterreich), die für seine intellek­tuelle Entwicklung von großer Bedeutung waren. Nach dem Studium der Betriebs- und Volkswirtschaftslehre an den Universitäten München und Innsbruck, das er dort 1965 als Diplom-Volkswirt abschloss, studierte er an der Universität München Soziologie, Philosophie und Psychologie. Am Institut für Soziologie der Universität München wurde er bei Prof. Karl Martin Bolte wissenschaftlicher Assistent und nach seiner Promotion zum Dr. phil. mit einer kultursoziologischen Dissertation 1974 Oberassistent. 1980 folgte dann die Habilitation (Dr. rer. pol. habil.) mit dem bevöl­kerungswissenschaftlichen Thema „Bevölkerung und soziale Entwicklung – der demographische Übergang als soziologische und politische Konzeption“ (veröffent­licht 1984 in der Schriftenreihe des Bundesinstituts für Bevölkerungs­forschung). Bei Professor Bolte war er nämlich mit der Bevölkerungswissenschaft betraut worden, so in der Mitarbeit an dem Reader „Bolte/Kappe/Schmid: Bevölke­rung“, der 1980 in 4. Auflage erschien. Josef Schmid hatte bevölkerungswissen­schaftlich Feuer gefangen und schon während seiner langen Jahre an der Alma Mater 1976 eine „Einführung in die Bevölkerungssoziologie“ (mit Schattat und Bauer) veröffentlicht.

Noch während seiner Assistentenzeit heiratete er seine Frau Roswitha und wurde seine Tochter Susanne geboren.

1980 wurde er schließlich Inhaber des gerade gegründeten ersten Lehrstuhls für Bevölkerungswissenschaft in Deutschland an der Universität Bamberg bis zu seiner Entpflichtung im Jahre 2003. Seine Studenten und Studentinnen bekamen von ihm und seinen Assistenten eine breite formale und theoretische bevölkerungswissen­schaftliche Ausbildung, die niemals langweilig war.

Für die Deutsche Gesellschaft für Bevölkerungswissenschaft (DGBw) richtete er 1985 die Jahrestagung in Bamberg aus, wobei nicht nur die Vorträge und das barocke Bamberg in Erinnerung bleiben, sondern auch ein monumentales Gemälde über den Demographischen Übergang im Eingangsbereich der Uni – offenbar inspiriert von seiner Habil-Schrift. Wer sich für die wesentlichen Einsichten in den demographischen Übergang interessiert, sollte das Buch unbedingt lesen. Für die DGBw und die DGD hielt er immer wieder einschlägige Vorträge über so ziemlich alle Themen der Bevölke­rungswissenschaft, über den Kinderwunsch, über Ehe und Familie aus sozio­logischer und psychologischer Sicht, über die politische und prognostische Tragweite von Forschungen zum generativen Verhalten (in Bamberg 1985), über Bevölke­rungspolitik, über die Kontroversen um Bevölkerungswachstum und wirtschaftliche Entwicklung, über Bevöl­kerung – Eine Wohlstandsgröße?, über Migration und Konflikt – Ansätze zum Paradigmenwechsel in der Wanderungs­forschung.

Von den internationalen Arbeiten verdienen sein Beitrag für den Europarat „The Background of Recent Fertility Trends in the Member States of the Council of Europe“, in der er das Konzept der relativen Deprivation einführt, das gemeinsame Papier über „Sociocultural change with reference to female employment, educational characteristics and housing conditions in Western countries where fertility is around or below replacement“ auf der IUSSP Konferenz in Manila 1981 mit seinem konzep­tionellen Begriff des „low fertility syndrom“, sein Beitrag zu einem IUSSP Seminar in Tokio 1988 zur Theorie der Familie „Consequen­ces of contemporary family change for a population-related theory“, sowie sein Vortrag auf der IUSSP Konferenz 2001 in Salva­dor do Bahia über „Political responses to immigration pressures in the European Union“ erwähnt zu werden.

Zur Thematik Weltbevölkerung und Entwicklung gehören neben der bereits genannten Habil-Schrift noch die Bücher „Bevölkerung im Entwicklungsprozeß Lateinamerikas (1991) und „Bevölkerung – Umwelt – Entwicklung. Eine human­ökologische Perspektive“ (1994) hervorgehoben.

In zahlreichen Schriften hat sich Josef Schmid mit Malthus auseinandergesetzt. In Bamberg hat er 1983 ein Mackenroth-Seminar ausgerichtet, an dem sogar Alfred Sauvy teilnahm. Ausgehend von dem Auftrag der DGBw, die Geschichte der Bevöl­kerungswissenschaft in Deutschland aufzuarbeiten, hat er sich im Rahmen eines DFG Projekts eingebracht und das Buch „Bevölkerungswissenschaft im Werden – Die geistigen Grundlagen der deutschen Bevölkerungssoziologie“ (2007; mit Henssler) erarbeitet.

Auch nach seiner Emeritierung war Josef Schmid in zahlreichen Beiräten und Kommissionen tätig. Er war selbstverständlich in den einschlägigen bevölkerungs­wissenschaftlichen Gesellschaften Mitglied, sowie Ehrenmitglied der Deutschen Gesellschaft für Humanökologie. Ein Beleg für seine breit gespannten Interessen ist seine Mitgliedschaft in der Studiengesellschaft für Mittelstandsfragen und in der Nietzsche-Gesellschaft.

Wir trauern um einen bedeutenden Bevölkerungswissenschaftler, den man noch als Universalgelehrten bezeichnen kann, der noch Bücher schrieb und die pointierte Sprache in Wort und Schrift pflegte.

[Verfasserin: Charlotte Höhn]