Nachruf Heinz Grohmann 1921-2018

Nachruf

Im Dezember 2018 verstarb im Alter von 97 Jahren Heinz Grohmann, Ehrenmitglied der DGD, Professor für Statistik und bis ins hohe Alter in demografischen Diskussionen präsent.

Heinz Grohmann wurde 1921 in Dresden geboren, wuchs in Thüringen auf, verbrachte zehn Jahre in Krieg und Gefangenschaft und studierte dann von 1953 bis 1956 an der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt am Main Betriebswirtschaftslehre.  Nach der Promotion 1963 und der Habilitation 1970, beide in Frankfurt, und einer Lehrstuhlvertretung an der  Universität des Saarlandes nahm er 1970 den Ruf auf einen Lehrstuhl für Statistik in Frankfurt an. Hier blieb er bis zum altersbedingen Ausscheiden 1987.

Er legte besonderen Wert auf die Verbindung von Theorie und Praxis sowie die Berücksichtigung von Rahmenbedingungen im weitesten Sinn und hat mit seinen Arbeiten die politische Diskussion in verschiedenen Bereichen beeinflusst.

Die Beschäftigung mit den erkenntnistheoretischen Grundlagen der Statistik bildete einen Schwerpunkt seiner wissenschaftlichen Tätigkeit.  Er legte dazu seine Habilitationsschrift   „Zur Problematik der statistischen Inferenz in der empirischen Wirtschaftsforschung“ vor. Er selbst hat dazu im Jahr 2000 gesagt:
„Für die Anwendung der Statistik in Wirtschaft und Gesellschaft maßgeblich ist … zum einen das Postulat einer bestmöglichen Adäquation der statistischen Begriffe und Verfahren in Bezug auf die theoretischen, politischen und institutionellen Konzepte, zum anderen das einer kritischen und problembewussten Interpretation der Ergebnisse mit dem Ziel, sie zur empirischen Fundierung von Theorien oder wirtschafts- und sozialpolitischen Entscheidungen sinnvoll nutzen zu können“ (aus „Statistik als Instrument der empirischen Wirtschafts- und Sozialforschung – Eine methodologische Betrachtung aus der Sicht der Frankfurter Schule der sozialwissenschaftlichen Statistik.“.Jahrb Natl Okon Stat 220(6):669–688, S. 669)

Heinz Grohmann wirkte in der Tradition des Frankfurter Lehrstuhls für Statistik, die dadurch gekennzeichnet war, „dass bei der Entwicklung von statistischen Maßzahlen und Rechenverfahren das Primat der sachwissenschaftlichen Fragestellung zukommt und nicht einem System von formalen Kriterien.“, wie die Herausgeber der Festschrift zu seinem  65. Geburtstag  ausführten.  (Wirtschafts- und Sozialstatistik. Empirische Grundlagen politischer Entscheidungen, Göttingen 1986, S. 8, 9)

In seiner Dissertation befasste Heinz Grohmann sich mit der „Entwicklung eines Bevölkerungsmodells zur Beurteilung der dynamischen Rente“. Dieses Thema Demografie und Alterssicherung sollte ihn sehr lange begleiten  und hat auch heute nichts an Aktualität eingebüßt. Schon bei der Einführung der dynamischen Rente lagen divergierende Berechnungen zur Ausgabenentwicklung zwischen Sozialministerium  auf der einen und einem externen Gutachten (Heubeck) auf der anderen Seite vor, was Heinz Grohmann zu seiner Analyse veranlasste.  Er ging dabei von stationären und dann stabilen Bevölkerungen aus, um die Wirkung der relevanten Komponenten zu untersuchen. Damit setzte er demografische Basiswerkzeuge ein und zeigte damit die in den betreffenden Sachverhalten selbst angelegte Entwicklung auf. Zu seiner generellen Vorgehensweise führt er aus: „So soll denn die vorliegende Arbeit zugleich ein Beitrag zur allgemeinen sozialwissenschaftlichen und besonders sozialstatistischen Forschung sein. Die enge Bindung an ein ganz spezielles Problem und die unabdingbare Forderung nach strenger Realitätsbezogenheit aller Einzelansätze erschweren zwar dieses Anliegen erheblich, sie bereichern es aber zugleich durch immer neue Fragestellungen, auf die man anders kaum stößt, und sie verhindern ein Abgleiten in wirklichkeitsfremde Spekulationen. Im Verlauf der Untersuchung hat diese Ziel gegenüber dem ursprünglichen mehr und mehr an Bedeutung gewonnen, so daß jetzt beide gleichwertig nebeneinander stehen.“ (Entwicklung eines Bevölkerungsmodells zur Beurteilung der dynamischen Rente, Berlin 1965, S. 28). In seinen Lehrveranstaltungen des Grundstudiums für Wirtschaftswissenschaftler präsentierte er auch die Bevölkerungsstatistik, was keineswegs selbstverständlich war (wie ich nach meinem Studium in Frankfurt bei der Tätigkeit im Statistischen Bundesamt feststellte).

Während seiner Zeit in Frankfurt war Heinz Grohmann im „SPES-Projekt“ – Sozialpolitisches Entscheidungs- und Indikatorensystem für die Bundesrepublik Deutschland  und dem darauf folgenden Sonderforschungsbereich 3 „Mikroanalytische Grundlagen der Gesellschaftspolitik“ Leiter des Projektes „Alterssicherung“. Hier wurden entsprechende Simulationsmodelle entwickelt.

Als Sachverständiger und Gutachter für den Sozialbeirat und für das Bundesministerium für Arbeit und Sozialordnung lieferte er  empirische Grundlagen für die Fortentwicklung des Systems der Alterssicherung in Deutschland und die längerfristigen Finanzierungsmöglichkeiten des Rentenversicherungssystems.  In einem Gutachten der Wissenschaftlergruppe beim Sozialbeirat entwickelte er das Konzept der „modifizierten Bruttoanpassung“ und schlug Anfang der 1980er Jahre die Einführung einer „formelgestützten Anpassung des Beitragssatzes an die demographische Entwicklung“ vor. Noch in einem Vortrag auf der  Jahrestagung der DGD 2004 behandelte er „sein“ Thema „Alterssicherung im Wechsel der Generationen“.

Sein zweiter großer Wirkungsbereich neben dem Komplex Bevölkerungsentwicklung und Alterssicherung war die amtliche Statistik.  Hier beschäftigte er sich mit grundsätzlichen Fragen und war Mitglied im Statistischen Beirat. Der Bezug zur Demografie ist aber auch hier unübersehbar. Heinz Grohmann wurde in den wissenschaftlichen Beirat für Mikrozensus und Volkszählung berufen, der nach dem Volkszählungsurteil des Bundesverfassungsgerichts 1983 eingerichtet worden war und sich unter anderem mit der Auskunftspflicht im Mikrozensus befasste. 1989 bis 1991 war er Vorsitzender dieses Gremiums. Dem Expertenkreis Bevölkerungsvorausberechnung des Statistischen Bundesamtes gehörte er von dessen Einsetzung 2003 bis 2013 an. Im Kuratorium des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung war er von 1989 bis 2005 Mitglied. Er war also lange über den Eintritt in den „Ruhestand“ hinaus aktiv.
Die DGD verlieh ihm 2006 die Ehrenmitgliedschaft. Auch die Deutsche Statistische Gesellschaft, deren Vorsitzender er zeitweise war, und der Verband Deutscher Städtestatistiker ernannten ihn zum Ehrenmitglied. Er war Träger des Bundesverdienstkreuzes 1. Klasse. Die Deutsche Statistische Gesellschaft richtete 2011 zu seinem 90. Geburtstag die Heinz-Grohmann-Vorlesung als festen Bestandteil der Statistischen Woche ein. Er selbst konnte bis 2015 an dieser Vorlesung teilnehmen.

Heinz Grohmanns gesamtes Werk und Wirken durchzieht sein grundlegendes  Anliegen, nicht nur Methodik und Theorie voranzubringen, sondern immer die Anwendung im Blick zu behalten und die Themen und Aufgaben der Zeit anzupacken, und damit seinen Beitrag zu ihrer Bewältigung zu leisten.

In der DGD konnte man ihm lange im Methoden-Arbeitskreis und auf Jahrestagungen begegnen.   Wer ihn persönlich kennen lernen durfte, erlebte einen offenen, konstruktiven und freundlichen Menschen. In Diskussionen und Beratungen brachte er  immer einen Hinweis, eine Frage, einen Ansporn auch neue, bisher nicht berücksichtigte Aspekte einzubeziehen, ein. Dabei war er keineswegs unkritisch, aber immer sachbezogen. Sein Engagement war ihm stets deutlich anzumerken.

Die DGD wird ihm ein ehrendes Andenken bewahren.

[Verfasserin: Bettina Sommer]